Eine Frau, unsere 1. Bürgermeisterin...
(dh) Elsbeth nennt die Familie sie, Conny hieß sie bei Bosch, Conny von Conrady. Ihr Name ist Elisabeth Conrady und sie ist 1. Bürgermeisterin der Stadt Hildesheim.
Ich erinnere mich an den Bammel, den ich empfand, als ich sie vor vielen Jahren als so genannte VIP in ihrer Eigenschaft als stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Bosch offiziell zu begrüßen und empfangen hatte. Das erlebt sie auch in ihrer Rolle als Bürgermeisterin öfter, erzählt sie. Bei einer Gratulation zur Goldenen Hochzeit stand die Jubilarin mit vor Aufregung hoch rotem Kopf in der Tür, um am Ende des Besuches erleichtert festzustellen: „Man kann ja mit Ihnen ganz normal reden.“
Das kann man und mein damaliger Bammel ist in den Jahren verflogen, in denen ich die Politikerin und den Menschen Conrady erlebt habe, einer Haltung von Respekt und Vertrauen gewichen, Respekt für das Geschick, mit dem Elisabeth Conrady ihre politischen Aufgaben verrichtet, und Vertrauen darin, dass sie keine Fragestellung als albern abtun wird oder unter ihrer Würde, dem Wissen, dass sie zuhören und tatkräftig eine Lösung anstreben wird, indem sie aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrungen schöpft und Verbindungen nutzt.
Das ist sie gewohnt, so hat sie von 1960-1994 bei Bosch gewirkt, hat als Betriebsrätin zum Beispiel Menschen mit Suchtproblemen zugehört, die Haus und Hof verspielt hatten und beruflich auffällig geworden waren. Zuzuhören, tatkräftig Lösungen zu finden oder zumindest einen Rat zu geben, das war ihr selbstverständlich. „Jeder kann doch einmal in eine schwierige Situation kommen.“
Tatkraft und Entschlussfreudigkeit war auch gefragt, als eine bundesweit bekannte Genossin kurzfristig ihre Zusage für Hildesheim in den Landtag ziehen zu wollen zurückzog, um für den Bundestag zu kandidieren. „Und nun?“ „ Jetzt musst du ran“, sagte Hermann Rappe und so kandidierte Conrady von heute auf morgen, sie packte zu. „3000 Marienkäfer verhalfen ihr zum Sieg“ titelte die Bildzeitung am Montag nach der Wahl, Marienkäfer, weil Rosen im Februar zu teuer waren. Praktisch ist sie auch und ihre Schwester Conny (eigentlich Magdalena, aber Conny auch hier von Conrady, siehe oben) war im Wahlkampf und überhaupt oft an ihrer Seite zu sehen.
Für die Eigenschaften ‚Familienmensch mit Tatkraft’ und ‚Empathie’ gibt es kein Gen, das wird erlernt. Als 1951 der jüngste Bruder geboren wird, ist Elisabeth 14 Jahre alt. Mutter und fünf Kinder leben im Eichsfeld, sind wegen des Krieges zum Onkel auf einen kleinen Hof umgezogen. Die Mutter ist krank, der Vater aus beruflichen Gründen in Hildesheim geblieben. Mit 14 übernimmt Elisabeth einen Großteil der Verantwortung für die Geschwister und wird für den jüngsten Bruder so etwas wie eine zweite Mutter.
Das stählt, das generiert soziale Kompetenz. „Im nachhinein weiß ich, dass mir das Verabreden mit Freundinnen und das Spielen gefehlt hat, damals habe ich nicht gefragt.“ Auch heute lebt Conrady bis auf während der wenigen Urlaubswochen mit vielen Pflichten, hat eine 7-Tage-Woche, ist Mitglied in 32 Vereinen – „Das hat sich mit den Jahren so aufgebaut.“ – und hat immer noch für viele ein offenes Ohr. Das tut sie alles gern, und wenn sie am 31. Oktober, einem Dienstag, abends zu Haus sein wird und nicht mehr Bürgermeisterin ist, was wird sie empfinden? „Mich einmal ohne Terminkalender in der Hand spontan mit meiner Freundin verabreden zu können, darauf freue ich mich unter anderem.“
Die Politikerin geht dann in den Ruhestand, der Mensch bleibt Hildesheim, der Familie und den Freunden erhalten. Sie wird weiterhin ein offenes Ohr haben, sie wird weiterhin das direkte Gespräch dem Herumgerede vorziehen und Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit schätzen. Der politische Mensch wünscht sich weiterhin, dass über Parteigrenzen hinweg zum Wohle unserer Stadt gewirkt wird, dass mehr herausgestellt wird, wie gut es sich in Hildesheim leben lässt und dass die Menschen im Straßenbild öfter einmal ein Lächeln aufsetzen.
…immer mit dem Blick auf die Menschen
(Juni 2006)